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Super Siri nach Maß

31. Oktober 2018

Zunächst ging es nur darum, die Zeitung vorzulesen. Mittlerweile kann Anne, wie die Entwickler ihre virtuelle Assistentin getauft haben, viel mehr. Sie kann den Patienten sagen, wann sie ihre Medikamente nehmen müssen oder was für heute noch geplant ist, Videoanrufe tätigen und sogar Witze erzählen. Und die Entwicklung geht immer weiter.
Anne4Care ist ein Avatar, ein Gesicht und eine Stimme auf einem Bildschirm, entwickelt von der Firma Virtask. Für ihre Nutzer ist sie aber viel mehr, eine echte Hilfe im Alltag. Sie reagiert sprachgesteuert auf die Befehle der Nutzer und kann so auch Menschen helfen, die Schwierigkeiten haben, Geräte zu bedienen. „Nach einem Schlaganfall beispielsweise ist das Sehvermögen oft beeinflusst oder können Menschen nicht mehr gut greifen und Dinge festhalten“, weiß Annemarie Johannes, die Erfinderin von Anne4Care, aus ihrem privaten Umfeld. Gemeinsam mit Menschen mit einer nicht angeborenen Gehirnerkrankung und Technikern entwickelte sie vor sechs Jahren ein Tool, das in der Lage war, die Zeitung vorzulesen. Hinzu kamen weitere Ideen, wie die Integration eines persönlichen Kalenders. „Die Betroffenen wollten aber nicht mit einem Bildschirm reden. Also entwickelten wir Anne“, so Johannes.
Für viele Nutzer ist Anne dabei mehr als nur ein Gesicht und eine Stimme. Im Laufe der Zeit wird sie eine echte Unterstützung, fast ein Freund. „Anne tut was sie sagt und sagt, was sie tut. Das weckt Vertrauen. Irgendwann denken die Menschen dann, ich frag eben Anne. Dann wird das ganz normal.“ Denn im Laufe der Zeit hat Anne viel gelernt. So kann sie Kontakte per Video anrufen, an die Einnahme von Medikamenten, Termine oder Geburtstage erinnern oder individuelle Tipps und Hilfestellungen geben. Mittlerweile kann sie selbst Witze erzählen und unterschiedliche Gesichtsausdrücke wiedergeben. Die Informationen werden dabei für jeden Patienten individuell hinterlegt. „Anne ist eigentlich wie Siri mit einem Gesicht, aber dann auf jeden Patienten individuell zugeschnitten. Ein weiterer wichtiger Unterschied ist, dass Anne im Gegensatz zu Siri oder Alexa die Privatsphäre der Nutzer schützt. Es ist nicht Cloud gesteuert und die Spracherkennung dringt nicht nach außen.“ Patienten vergessen dank Anne keine Medikamente mehr, sind nicht vom sozialen Leben und der Außenwelt abgeschlossen, bekommen wieder einen Tagesrhythmus und die Sicherheit, dass Ihnen im Notfall geholfen wird. „Anne kann natürlich keine menschlichen Pflegekräfte ersetzen. Aber sie kann den Alltag erleichtern und dafür sorgen, dass Pflegekräfte wieder mehr Zeit für ihre wirklichen Aufgaben haben“, so Johannes.

Health-i-care
Es gibt aber noch mehr Arbeit für Anne. Im deutsch-niederländischen INTERREG-Projekt health-i-care wird sie als Informationsquelle im Bereich Hygiene eingesetzt. Zum Projekt kam Virtask über Andreas Voss vom CWZ-Krankenhaus in Nimwegen. Seine Idee: Eine virtuelle Assistentin könnte im Bereich Infektionsbekämpfung viel Aufklärungsarbeit leisten. Gemeinsam mit den beiden Krankenhäusern Canisius Wilhelmina Ziekenhuis in Nijmegen (CWZ) und dem UMC Groningen sowie dem Landeszentrum Gesundheit NRW arbeitet Virtask daher an der Weiterentwicklung von Anne im Hygienebereich. „Anne kann auch hier viel übernehmen, Dinge erklären und so menschliches Personal entlasten. Es gab bereits viel Content wie Filmmaterial. Wir haben gemeinsam einen Prototypen entwickelt, um vor allem Flüchtlinge in ihrer eigenen Sprache zu informieren“, so Johannes.

Deutschland
Das Landeszentrum Gesundheit NRW sah wiederum Möglichkeiten, ältere Menschen in Deutschland durch Anne zu unterstützen. „Dort sind die Entfernungen in der Regel größer als in den Niederlanden. Wenn der Sohn beispielsweise in Hamburg wohnt und die Mutter in München, kann er nicht zweimal am Tag bei der Mutter vorbeifahren. Über Videotelefonie können sie trotzdem regelmäßig Kontakt haben und der Sohn weiß, ob es der Mutter gut geht. Und das geht ganz einfach und ohne Computerkenntnisse“, erklärt Henk Steetsel, der den Verkauf des Produkts in Deutschland organisiert, die Vorteile.
Eine Potenzialanalyse brachte vielversprechende Resultate. „Vor allem vor dem Hintergrund mangelnder Pflegekräfte äußern sich alle sehr positiv zu dieser Idee“, so Steetsel. Und erste Erfolge in Deutschland ließen auch nicht lang auf sich warten. Ab dem 1. Januar 2019 ist Virtask Partner beim Fraunhofer-inHaus-Zentrum in Duisburg. Auch führt das Unternehmen Gespräche mit der Stadt Duisburg, aber auch in Berlin. „In Duisburg haben wir gemerkt, dass die Stadt der beste Ansprechpartner ist. Dort wissen sie genau, wer welche Möglichkeiten und Zuständigkeiten hat. Alle Fäden laufen dort zusammen“, so Steetsel.
Mittlerweile ist Anne in Deutschland, der Schweiz, Italien, Luxemburg, Belgien und den Niederlanden aktiv. Und die Entwicklung geht weiter. Für die Zukunft wünscht sich Johannes personalisierte Avatars. „Ich fände es wirklich schön, wenn wir einen Avatar nach Wunsch gestalten könnten. Sodass zum Beispiel die eigene Mutter oder Lieblingspflegekraft der Avatar wird.“ Das geht auch jetzt schon, ist aber noch zu teuer, um das tatsächlich umzusetzen.

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